Arbeitsmarkt & Statistik
Unter drei Millionen: Wer zählt eigentlich als arbeitslos?
Im September fiel die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf 2,994 Millionen und damit knapp unter die Marke von drei Millionen, die im August mit 3,061 Millionen noch überschritten war. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) meldete eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent. Manche Schlagzeilen sprachen von einer Trendwende, andere vom Gegenteil. Die Statistik liefert beiden Seiten Argumente, und genau deshalb lohnt der Blick darauf, was eigentlich gezählt wird.

Ein Rückgang, der keiner ist?
Gegenüber dem Vormonat sank die Zahl um 67.000. Saisonbereinigt stieg sie jedoch um 12.000, und gegenüber dem Vorjahresmonat liegt sie 40.000 höher (Bundesagentur für Arbeit).
Das ist kein Widerspruch. Im Herbst sinkt die Arbeitslosigkeit üblicherweise, weil Betriebe nach der Sommerpause wieder einstellen. Die Saisonbereinigung rechnet dieses Muster heraus und fragt, wie viel besser oder schlechter es war als erwartbar. Die BA sprach deshalb von einer "schwunglosen" Herbstbelebung.
Die magische Grenze
Drei Millionen ist eine runde Zahl, kein statistischer Schwellenwert. Zwischen 2,994 und 3,061 Millionen liegen 67.000 Menschen. Teilt man 2,994 Millionen durch die Quote von 0,064, ergibt sich eine Zahl von rund 46,8 Millionen Erwerbspersonen, mit dem wissenschaftlichen Rechner schnell nachgerechnet. Die 67.000 entsprechen also etwa 0,14 Prozent der Erwerbspersonen.
Dass eine Marke wie diese Schlagzeilen macht, liegt an ihrer Symbolkraft und nicht an ihrer statistischen Bedeutung.
Drei Zahlen für dasselbe Problem
Es gibt mindestens drei Maße. Die registrierte Arbeitslosigkeit der BA beruht auf dem Sozialgesetzbuch: Arbeitslos ist, wer sich meldet, Arbeit sucht und vermittelbar ist, und bis zu 15 Wochenstunden Arbeit sind erlaubt. Die Unterbeschäftigung zählt zusätzlich Menschen in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und kurzzeitig Arbeitsunfähige mit. Im September lag sie bei 3,615 Millionen.
Die Erwerbslosenquote des Statistischen Bundesamts folgt dem ILO-Konzept, das auf Befragungen beruht und international vergleichbar ist (Bundesbank). Wer geringfügig arbeitet, gilt nach ILO immer als erwerbstätig, kann nach dem BA-Konzept aber weiter als arbeitslos zählen (Hans-Böckler-Stiftung).
Dieselbe Realität, drei Zahlen: Keine ist falsch, aber jede beantwortet eine andere Frage.
Der Nenner zählt
Auch die Quote hängt von einer Definition ab. Die Arbeitslosenquote der BA setzt die Arbeitslosen ins Verhältnis zu allen zivilen Erwerbspersonen (Bundesbank). Ein anderer Nenner ergäbe eine andere Quote, ähnlich wie bei der Wahlbeteiligung, wo je nach Bezugsgröße aus demselben Ergebnis ganz unterschiedliche Prozentwerte werden, wie unser (englischer) Artikel über Nenner und Wahlbeteiligung zeigt.
Ein bundesweiter Durchschnitt verdeckt außerdem große regionale Unterschiede: Die Quote reicht von 11,2 Prozent in Bremen und 10,4 Prozent in Berlin bis zu je 6,3 Prozent in Thüringen und Brandenburg (infranken/dpa). Ein Mittelwert von 6,4 Prozent beschreibt daher kaum eine einzelne Region.
Auch die Zahl der erwerbsfähigen Grundsicherungsbeziehenden, 3,704 Millionen im September, ist nicht mit der Arbeitslosenzahl identisch, denn nicht alle von ihnen sind ohne Arbeit. Verschiedene Zählungen überlappen sich, ohne deckungsgleich zu sein.
Wie man solche Zahlen liest
Erstens: Vergleichen Sie mit dem Vorjahresmonat, nicht mit dem Vormonat. Zweitens: Achten Sie auf saisonbereinigte Reihen. Drittens: Prüfen Sie Definition und Nenner. Viertens: Ordnen Sie Schwankungen ein, denn Monatswerte sind Momentaufnahmen. Der Rechner für deskriptive Statistik fasst eine Monatsreihe zusammen, und die Fünf-Zahlen-Zusammenfassung zeigt, wie stark sie streut.
Hinzu kommt die Nachfrageseite. 660.000 gemeldeten offenen Stellen stehen knapp drei Millionen Arbeitslose gegenüber, rechnerisch etwa 4,5 Arbeitslose je offener Stelle. Auch das ist nur eine grobe Kennzahl, denn nicht jede Stelle wird gemeldet, und Qualifikationen passen nicht automatisch.
Ob die Lage "gut" oder "schlecht" ist, entscheidet die Statistik nicht. Sie sagt nur, was gezählt wurde und mit welcher Unsicherheit.